Bericht vom IRONMAN LANZAROTE 2009
Samstag, den 27. Februar 2010 um 16:26 Uhr
Die erste Frage, die uns immer gestellt wird, lautet: „Warum ausgerechnet Lanzarote???" Gilt dieser Ironman doch gemeinhin als „der härteste Ironman der Welt"!?
Nur Triathleten stellen uns diese Frage, alle anderen Mitmenschen denken sowieso, wir hätten eine Schraube locker, dass wir uns so etwas antun... (die Grubes, das sind die, die nie Zeit für lustige Dinge am Wochenende haben, weil sie in aller Herrgottsfrühe schwimmen: „igitt!", radeln: „ohgott!" oder gar laufen: „ich schaffe noch nicht einmal 100 Meter!")
Egal – Triathleten kennen diese Reaktionen, und genau diese Triathleten sind fassungslos, dass wir uns diese karge, bergige, windige Strecke ausgesucht haben. Aber: wir mögen das! Zugegeben: mitten im Wettkampf vielleicht nicht immer (siehe unten!) Dennoch sind wir begeistert von „unserem" Ironman Lanzarote Canarias Triathlon Spain – so der offizielle Name: das klingt doch schon wie Musik!
Doch nun der Reihe nach:
Carsten und ich hatten uns also für DIESEN Wettkampf angemeldet, und nach guten halben Jahr intensiven Trainings mit all seinen Höhen und Tiefen (die meiste Zeit des Trainings findet im unwirtlichen norddeutschen Herbst, Winter und Frühjahr statt...) war der große Tag gekommen: Samstag, der 23. Mai 2009!
Wir fühlten uns gut vorbereitet und der Herausforderung gewachsen: hatten wir doch mit Sebastian einen geschulten, erfahrenen und professionellen Trainer an der Seite, der uns auch mental immer wieder gestärkt hat, und als letzten Schliff noch Ernährungstipps für den Wettkampftag mit auf den Weg gegeben hat. Seine Ratschläge haben uns nicht immer gefallen: z.B., dass wir vor Ort auf Lanzarote an den 3 Tagen vor dem Wettkampf, immer schon um 6.00 / 5.00 / 4.00 Uhr aufstehen sollten, um den Organismus an das bevorstehende Ereignis zu gewöhnen...
Haben wir aber gemacht, und das hat uns überraschenderweise gut getan! Was macht man um 4.00 morgens, wenn man eigentlich nichts zu tun hat? Training ist in dieser Phase nicht mehr angesagt, es werden nur noch ein paar Bewegungseinheiten mit kleinen Belastungsspitzen eingebaut, damit der Körper auch nicht vergisst, dass da etwas auf ihn zukommt – ansonsten ist Schonung angesagt.
Da standen wir also in tiefschwarzer Nacht und gewöhnten unseren Organismus an diese unchristliche Uhrzeit: unser Hotel lag in unmittelbarer Nähe der Wechselzone, und da herrschte an diesen Tagen bereits rund um die Uhr ein reges Treiben: Zelte, Tribühnen, Fahrradständer, Absperrungen, Dixies, Beschallungsanlagen, Verkaufsstände, Pi Pa Po, wurden aufgebaut, und das konnten wir uns bei dieser Gelegenheit in aller Ruhe ansehen. Besonders beeindruckend: das große Tor mit der Aufschrift „META" (= spanisch „ZIEL")!
Wenn wir nur da erstmal wären! Wir sind dann schon mal vorsichtig hindurchgeschlichen... (darf man das, oder bringt das Unglück? Aber zum Glück sind wir ja nicht abergläubisch!)
Dann war er endlich da, der 23. Mai: am „Exit to the beach" (Mann, ist DAS aufregend!") haben Carsten und ich uns noch mal kurz umarmt, gegenseitig Glück gewünscht und uns an den Schwimmstart begeben: dann fiel der Startschuss und jeder war auf sich gestellt. Vor uns lagen 3,8 Km Schwimmen im Meer (kristallklar, mit vielen bunten Fischen, die uns unter Wasser angefeuert haben ;-) ! ) 180 Km Radstrecke (bergig, windig, lanzarotig-vulkanig: einzigartig und wunderschön!) und 42,195 Km Laufen an der Strandpromenade von Puerto del Carmen (sonnig, heiß, mit super Stimmung, weil die ganze Strecke von euphorischen Zuschauern gesäumt wird!)
An diesem Tag haben Carsten und ich jeder ganz besondere Abenteuer erlebt: es kommt ja bekanntlich alles immer anders, als man sich das vorher denkt: nach dem reibungslosen Schwimmen und Wechseln hatten wir beide so unsere eigenen Schwierigkeiten: mir fiel mehrmals die Kette vom Blatt, und das ausgerechnet bei den steilsten Steigungen, so dass ich gezwungen war abzusteigen um nicht umzukippen. Danach kam ich nur noch schwer in Schwung, weil mich diese Aktionen sehr viel Kraft gekostet haben. Dann bin ich auf falsche Kilometerangaben hereingefallen (da hatte sich wohl jemand beim Aufstellen der Schilder vertan!), so dass ich mich schon nach 155 Km in Zielnähe wähnte, tatsächlich aber noch 25 Km vor mir lagen: das entkräftet nicht nur körperlich! Zu guter Letzt machten mir am Ende der Radstrecke noch bedrohliche Fahrtgeräusche Angst: durch einen speziellen Straßenbelag ertönte bei hoher Geschwindigkeit ein lautes Summgeräusch, das sich anhörte wie ein Auto mit Dauerhupen, was hinter mir her war: das kannte ich noch nicht und dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen! Es ging aber alles gut und ich erreichte die Wechselzone unbeschadet, um mich auf die Laufstrecke zu begeben.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Carsten schon einen Großteil des Marathons hinter sich; auch er hatte auf der Radstrecke so einige Überraschungen erlebt: da lagen Glasscherben, die er zu spät bemerkt hat, der Schlauch ließ sich nach dem Reifenwechsel nicht aufpumpen, nach dem zweiten Schlauchwechsel ließ sich der Reifen zwar aufpumpen, aber mit der mickrigen Handpumpe (laut Carsten´s Aussage so groß wie ein Kugelschreiber!) leider nicht auf den gewünschten Druck. Sehr unerfreulich! Nicht genug damit, war an der Rad-Verpflegungsstelle leider Carsten´s Verpflegungsbeutel, den er vorher sorgfältig gepackt hatte, verloren gegangen – was sich niemand von den Helfern erklären konnte, und was allen sehr Leid tat, aber das hilft einem in dem Moment auch nicht weiter, wenn man sich vorher auf seinen Beutelinhalt verlassen hat! So musste Carsten dann unzureichend verpflegt das Rennen auf dem Rad fortsetzen, aber auch das war zu schaffen!
Wir sind uns dann auf der Laufstrecke, die aus 4 Runden besteht, mehrmals begegnet und konnten uns immer nur kurz etwas über den Stand der Dinge zurufen: Carsten blutete und lief irgendwie unrund, was aber wohl schlimmer aussah als es war, denn er hat schließlich und endlich seine gesetzte Zielzeit von unter 12 Stunden mit 11:53:41 glücklich, zufrieden und ohne Blasen an den Füßen (da staunte der Masseur!) erreicht. Ich hatte indes mit schweren Magenkrämpfen zu kämpfen, die mich über große Teile der Strecke zum Gehen zwangen: „so ein Mist!" habe ich mehr als einmal hässlich geflucht; wollte ich doch das Ziel bei Tageslicht erreichen, und das hätte eine Gesamtzeit von ca. 13,5 Stunden erfordert. Unter diesen Bedingungen nicht zu schaffen!
Ich habe mich dann irgendwie durchgebissen, die Schmerzen überwunden und die zweite Hälfte des Marathons im Laufschritt hinter mich gebracht: anders als gewöhnlich, wurde ich mit der Zeit immer schneller und meine Stimmung immer besser: die Schmerzen hatten sich in Luft aufgelöst und irgendetwas hatte mir Flügel verliehen. So habe ich schließlich mit einer Finish-Zeit von 15:54:33 nicht geschafft, was ich mir vorgenommen hatte, aber man muss dann (das hatte ich kurz vorher noch als Tipp von einem der großen Profis gelesen!) bei unvorhergesehenen Ereignissen im Wettkampf das Ziel neu stecken, und das hieß in meinem aktuellen Fall: finishen vor Mitternacht! Als ich schließlich die Ziellinie sogar noch kurz vor 23.00 überquert habe, war ich überglücklich, wurde von einem ebenso glücklichen Carsten in Empfang genommen, wurde von wildfremden Leuten bejubelt, bekam die ersehnte Medaille umgehängt, Glückwünsche vom Race-Director, und das war alles soooo schön!









