Wie weit sind eigentlich 300 km?
Freitag, den 02. Juli 2010 um 15:19 Uhr
So eine kleine Radtour, die schafft doch fast jeder. Kurz mal ein paar Freunde mit dem Radel besuchen, eine kleine Einkauftour in den 2 km entfernten Ort auf dem City Bike zur lieben Verwandtschaft, vielleicht hier und da mal eine kurze Tour zum Bäcker nebenan.
Ich denke, das stellt für niemanden ein wirkliches Problem dar. Aber wir wollten mehr!
Viel mehr!
Wir, das sind zwei nicht ganz so unsportliche Frauen, wenn ich das mal so sagen darf.
Wir fanden, es war Zeit für ein größeres Projekt.
Tja und da waren Sie auch schon unsere drei Fragen: Was, wo und wie wollten wir das größere Projekt angehen.
Was: Klar, etwas Sportliches sollte es schon sein!
Wie: Mit dem Fahrrad in jedem Fall auch - das war uns klar.
Was: Das war unsere schwierigste Entscheidung!
Die Tour de France? Nee, da mangelte es uns ein wenig an französisch Kenntnissen und vielleicht auch ein bisschen extrem für uns kleine Nordlichter. Hamburger Cyclassics? das hörte sich schon mehr nach uns Nordlichtern an, auch eine Überlegung wert, aber wir wollten mehr. Noch mehr Nordlicht!
Da fiel uns doch gleich Schweden ein. Lag im Norden, war nah, flach und auch für einen kleinen Kurzurlaub bestens geeignet. Da hatten wir bestimmt schon mal etwas von einer Vätternrundan gehört. So genau wussten wir allerdings nicht, was da auf uns zu kam, aber das Projekt stand schon mal fest. Es war sportlich, es war ein größeres Projekt und es lag sehr nördlich und dazu klang es auch noch ganz spannend. Da man heutzutage fast alles ergoogeln konnte, googelte ich mal ein paar Informationen zum Nordprojekt zusammen.
Dann wurde ich reichlich fündig zum Thema Vätternrundan. Hatte ich mich vielleicht verlesen, oder stand hier tatsächlich etwas von 300 km in 24 Stunden? Bestimmt hatte ich mich verlesen? Ist wohl wie bei der Währung, die man durch 8 teilen musste, oder so ähnlich? Ganz bestimmt!
Oder doch nicht – sollten es wohl tatsächlich 300 km sein? Wer schafft denn schon 300 km mit dem Rad - mit dem Auto war das zu bewältigen ok, aber mit dem Fahrrad?
Wie viel sind denn nun eigentlich 300 km?
Nach weiteren Recherchen bestätigte sich die ganze grausame Wahrheit. Aber der Entschluss stand fest, ein Zurück gab es nicht mehr. Es ging schließlich um volle Frauenpower!
Mit einem gewöhnlichen Damenrad würden wir bestimmt nicht weiterkommen. Also dachten wir ernsthaft über ein neues Rennrad nach. Und schon ging es ab in einen Radladen.
Ein Rennrad, das hatte schon etwas Sportliches und unserer Frauenpower stand es glaube ich auch ganz gut zu Gesicht. Nach kurzer professioneller Beratung entschieden wir uns dann ein neues Rennrad zu kaufen. Noch einen Helm dazu, ein paar coole Klamotten und wir waren bereit.
Tja, das sollte nun in nächster Zeit unser ständiger Begleiter werden. Aber ohne professionelle Hilfe wird das Ganze nicht einfach - aber von einfach hatte ja auch niemand gesprochen.
Und dazu noch diese merkwürdigen Schuhe, mit denen musste man sich am Rad auch noch festklicken. Wie sollte man da während der Fahrt bloß wieder aus den Pedalen kommen? Das geht doch bestimmt in die Hose.
Schließlich gab es auch den einen oder anderen Sturz, da kippte man mit eingehängten Füssen einfach so zur Seite weg. Manchmal hatte ich Glück und keiner hat`s gesehen. Schnell wieder aufs Rad und dann weiter machen. Manchmal war ich so wütend, dass ich das Rad am liebsten sich selbst überlassen hätte. Hier und da gab es immer wieder kleinere Stürze und blaue Flecken. Die Nerven lagen fast blank. So wird das einfach nichts. Nun mussten Profis her, wenn das Projekt nicht ins Wasser fallen (oder genauer gesagt in den Vätternsee) fallen sollte.
Also wieder googleln was das Zeug hält. Es gab doch bestimmt in der Nähe einen Radsportverein. Nach einigen Google-Versuchen stieß ich dann auf den RSC Kattenberg.
Ok dass hörte sich schon mal professionell an, hier gab es ein paar Trainer, wie man auf der Internetseite erlesen konnte. Angeboten wurden mehrere Sparten: Etwas für Rennfahrer, etwas für RTF´ler, was immer das auch heißen mag und etwas für Einsteiger. Jo, hier war ich richtig, das versuch ich mal.
Nach ein wenig Überwindung entschloss ich mich mal den Stammstich am Freitag aufzusuchen, nur mal hören, was die anderen Radler so von sich gaben. Und prompt erhielt ich von allen Seiten vorab schon mal ein paar wertvolle Tipps zum Thema Rad.
Gleich am Dienstag sollte dann meine erste Trainingsrunde stattfinden. Unter professioneller Hilfe, wurde mir dann auch einiges klarer. Und in einer Gruppe zu fahren, das macht richtig Spaß, da musste man sich gar nicht mehr so anstrengen, um gegen den Wind zu kämpfen.
Und wenn ich mal wieder gestürzt war, dann waren gleich ein paar nette Radler zum Trösten zur Stelle. Nun wusste ich auch schon eine ganze Menge zum Thema Windschatten fahren und da ich sozusagen noch „Welpenschutz“ hatte, konnte ich mich häufig im Windschatten der anderen Radkollegen halten, es gab doch noch echte Kavaliere unter uns. Auch ein kleinerer Platten war so ganz unter Kollegen schnell wieder beseitigt.
Radfahren ist natürlich auch so ein Quatschsport und da gab`s noch viele Tipps für unsere Schwedenrunde gratis dazu, die Tipps waren sozusagen gratis im Mitgliedsbeitrag enthalten.
Nun war ich gut gerüstet und vorbereitet fast schon ein kleiner Profi, jedenfalls ein „gefühlter“. Na ja so gut, wie man eben in einer so kurzen Zeit werden konnte.
Dann ging es endlich ab nach Schweden, ab in den hohen Norden unser Projekt war bereit umgesetzt zu werden. Um 23:04 Uhr sollte es losgehen. Ich schätze, dass ca. 20.000 Radler am Start standen und in ihren Startlöchern warteten. Für Schweden fast ein Volksfest. Die Schweden sind ja im Allgemeinen sehr ruhig, und so ruhig und gelassen lief auch der ganze Start ab.
Viele rüsteten sich noch vorab mit einem kleinen schwedischen Menü um die Reserven aufzutanken. Hier gab es alles was das Herz begehrte – von sauren Gurken bis hin zu kleinen Fischmenüs stand fast alles auf dem Speiseplan.
Als es losging, war die Sonne hier oben im Norden fast schon wieder aufgegangen – echt cool. Das Wetter war super und erst gegen Mittag fing es dann an zu regnen. Nicht so toll, zumal es auch nicht gerade warm war und den vielen Mücken fuhr ich einfach mit meinen 30 km/h davon.
Meine Freundin und Reisebegleitung lag mittlerweile bestimmt 2 Stunden hinter mir, somit schloss ich mich einer netten Gruppe von Schweden an. Das war überhaupt kein Problem jemanden mit gleichem Tempo zu finden.
Unterwegs in den vielen Depots, davon gab es wirklich reichlich in den kleinen Straßen, füllte ich meine Reserven immer wieder mit den schwedischen Leckereien auf.
Häufig wurde ich von riesigen Gruppen in einem rasenden Tempo überholt. Das klang dann so, als würde sich ein ICE von hinten nähern. Aber davon ließ ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Dabei sein war alles.
Nach 15 1/2 Stunden war leider schon alles wieder vorbei. 300 km waren bewältigt. Eine super Leistung und ein tolles Gefühl angekommen zu sein.
Ich bleibe bestimmt beim Hobby Rad fahren und mal schauen, ob wir im nächsten Jahr unser Projekt wiederholen können. Vielleicht dann sogar mit ein paar meiner neuen Radkollegen.
So weit sind also 300 km!
Angela Fentroß 01.07.2010







