Zwei Seen dazwischen ein Land

IMG_0010Wenn schon nicht RaceAcrossAMerica, dann starte ich eben erstmal  bei   > Coast to Coast in a`Day < dachte sich der dirk.

Bei dieser englischen Variante der Landdurchquerung mit dem Rad sind 150 Meilen von der Westküste (Irische See) an die Ostküste (Nordsee) zu bewältigen. John Purdy, aktiver RSC-Kattenberger in Oxford, hat uns beiden schon frühzeitig die begehrten Startplätze reserviert – natürlich als RSC-Kattenberger Team.

 

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Um es gleich vorweg zu sagen: Diese europäischen Insulaner fahren nicht nur links, leben fast alleinig in der GMT-Zone und haben ne Queen; sie haben auch eine ganz andere Fahrradkultur und eine junge dazu. Ähnlich wie vor Jahren bei uns durch Ulrich, boomt das (Renn-) Rad in Großbritannien seit der Ära Bradley Wiggins, spätestens mit seinem Toursieg 2012.

Aber zurück zu C2C:  Die besondere Herausforderung bei dieser Fernfahrt war nicht die Entfernung von 240 Kilometer, auch nicht die ca. 4500 Höhenmeter oder das damit verbundene Streckenprofil (wobei , … dazu aber später mehr), sondern die gesamte Logistik der An-/Abfahrt und der jeweiligen Übernachtung bei Start&Ziel. Treff-und Sammelpunkt und Parkplatz war Penrith, dort wurden alle Räder in Kartons verpackt und zusammen mit dem Gepäck mit LKW`s und die Teilnehmer mit Reisebussen zum Startort gefahren. Dauer etwa 1,5 Stunden.. Startort war Seascale, ein kleines ruhiges Fischerdörfchen. Völlig unbekannt und unbedeutend – im Gegensatz zum Nachbarort Sellafield mit seinem weltweit bekannten Nuklearkomplex. Wir befanden uns somit nur wenige Kilometer von Schottland entfernt.

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In Seascale angekommen gab es die übliche Prozedur: Einschreiben, ausweisen mit Lichtbild, Empfang der Startunterlagen und anschließend Streckenbesprechung. Den Zeittransponder bekam jeder Sportler direkt ans Handgelenk. Danach Camping klargenacht und was gegessen. Mit dem letzten Sonnenlicht die Räder montiert, Rahmennummer und auch die vorgeschriebene Beleuchtung noch angebaut.

 Der Tag begann bei uns um 5:00am. Nach einem kurzem Breakfast: Zelte abbauen und mit dem restlichen Gepäck + Radkarton auf den LKW laden. Nur nichts vergessen oder liegenlassen. Hier her kommen wir nicht wieder.

Waren die Wetteraussichten tags zuvor noch no amüsant, schien den ganzen Tag die Sonne und der Wind kam idealerweise aus West. Gestartet wurde einzeln auf einer Rampe direkt vom Strand. Und eine ungeschriebene Regel besagt, das man etwas von der Westside an die Eastside mitnehmen sollte, passenderweise ein Stein. Gesagt – getan.

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Das Startzeitfenster von 5:00 bis 8:00am war ohne feste Reihenfolge. Der Veranstalter open cycling erwartete den letzten Finshier gegen Mitternacht. So fuhren die Langsameren auch als erstes los. Wir rollten um 6:20Uhr, ganz gemächlich und mit 25 km/h auf dem Tacho los. Go east.

Nordengland / Grafschaft Cumbria mit dem Lake Districkt ist eine der schönsten Landschaften von ganz Großbritanien, lässt man souverän Schottland mal weg. Die Berg – und Seenlandschaft ist schon sehr beeindruckend. Die ausgeschilderte Strecke führte durch diesen größten Nationalpark des Landes, vorbei an unzähligen kleinen Stauseen, quert mit Hilfe der Fähre Windermere Lake (der größte und tiefste See Englands), ging über die Pennines (Mittelgebirge), streifte den Yorkshire Dales National Park und den North York Moors National Park und the Finish in Whitby.

IMG_0163                                                                die Richtung = ostwärts, bis nichts mehr kommt

„Live“ dabei sein:  https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=Sv_mTF0GBMA

 Gefahren wurde – außer links natürlich – vorwiegend auf kleinen Nebenstraßen und Wirtschaftswegen und mit Kendal „ Gateway tot the Lakes“ wurde auch die einzige größere Stadt durchfahren. Schon nach wenigen Kilometern fuhr ich alleine. So konnte ich in Ruhe meinen eigenen Rhythmus fahren bzw. erstmal finden. Die Strecke wurde rasch hügelig und so gab es ohnehin kaum zusammenfahrende Gruppen. Mann/Frau fuhr meist mit 2-3 Radfreunde, größere Trupps waren fast immer Radclubs, gut zu erkennen an den einheitlichen Trikots. Erstaunt war ich dann positiv über den hohen Frauenanteil. Die landestypischen Steinmauern und grüner Wildwuchs sorgten links und rechts für null Freiraum, Kurven waren dadurch nicht einsehbar und sorgten teilweise für tunnelartiges Feeling. An dem Reisebus in einer Kurve konnte ich mich gerade noch vorbeiquetschen. Kurz darauf stand am Fahrbahnrand eine Ambulanze im Einsatz und in einer der nächsten Kurve lehnte ein Rennrad mit komplett gebrochenem Rahmen (Ober- und Unterrohr!!) an einer solchen Steinwand. Da beschloss ich für mich: Today is not a good day to die. War meine Motivation ohnehin für heute Land und Leute kennenzulernen – ohne Stress und Druck. Hatte ich ja doch einen ganzen Tag Zeit; und noch ein bisschen mehr, um das Ganze als Erlebnisevent der besonderen Art zu genießen.

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Ich bin ja schon viel gefahren, unzählige (Berg-) Marathons, zweimal das RaceAroundAustria, Paris-Brest-Paris, daraus resultiert mein einziger Motivationsspruch: „Ich brauche kein Ziel, eine Richtung reicht. Und gebt mir eine Straße.“ Was auf dem Streckenprofil aussah wie eine Stimmgabel, erwies sich ab Kilometer 20 als absoluter Gradmesser, der Hardknott Pass. Die „Steile Wand“ war dazu im Vergleich nur eine schiefe Ebene. Dieser Anstieg war/ist einfach – unglaublich. Für mich ohne gleichen. Wir kratzten an der 30% Marke. Und das bei löchrigem, teils losem und welligem Untergrund. Dazu kam auch noch Regenwasser von der letzten Nacht, welches den Berg hinunterfloss und die scharfen Haarnadelkurven noch schwieriger machte. Außerdem waren meine beiden letzten Mahlzeiten recht dürftig ausgefallen. Das alles mag als Ausreden gelten, vor allem von Nichtdabeigewesenden. Für mich war das hier und heute hammerhart – unglaublich, was für ne Strecke. Schwerstarbeit für die noch kalten Muskeln. Fack you! um es mal mit Göthe auszudrücken. Die einzige Chance nicht stehend umzufallen, war in Schlangenlinien von einer Seite auf die andere Seite zu fahren und das wider besseren Wissens, denn dazu war diese Passstraße aufgrund der beschriebenen Gegebenheiten einfach ungeeignet und viel zu schmal. Und es kam was kommen musste. Ich bekam das Vorderrad nicht rum und fuhr augenblicklich neben dem Weg bergab. Kam nicht aus den Klickpedalen und machte meinen ersten Drop auf dem Rad bzw. über mein Bike. Aber nichts passiert. So kam ich aber in den „Genuss“ meiner ersten Radwanderung. Oben angekommen, ging es unverzüglich bergab. Und das kaum schneller als Bergauf. Einige Mitstreiter schonten ihre Bremsen und schoben teils barfuß (wegen den Cleats) bergab. Total irre und verstörend der Anblick. Ich war echt froh unten heil angekommen zu sein, um gleich ein Stück weiter den Wrynose Pass, den zweiten Teil dieser Stimmgabel zu bewältigen. Bei Kilometer 40 mußte ich 20 Minuten auf die Fähre warten. Dabei wurde die Rennzeit gestoppt und nach to cruise am anderen Ufer wieder gestartet. Geniales System. Schnell und einfach.

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Landschaftlich gesehen waren die ersten hundert Kilometer das Highlight dieser (Tor)Tour. Wobei die 4 gleichmäßig verteilten Verpflegungspunkte (alle 50 km), die auch als Timestation für die Zwischenzeiten funktionierten, für mich mein ganz persönliches AllYouCanEat-Eldorado wurden – s.h. Bilder. Die Helfercrew an den jeweiligen Feed Station waren sehr fürsorglich, lovingly, absolut hilfsbereit und verry happy. Technischen Support gab es hier vor Ort und auch unterwegs. Mobile Event Supporter auf  ihren Rädern waren sehr gut an den Signalwesten zu erkennen.

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IMG_0199 ohne Worte – einfach nur genießen (ihr leider nur mit den Augen)   IMG_0200

Der weitere Streckenverlauf blieb dann zum Glück unspektakulär. Keine Panne! Kein Verfahren im Kreisverkehr! Ich blieb weiterhin über lange Zeit Solist und kam zügig voran. Gelegentlich fuhr ich aber auch in kleineren Grüppchen mit. Amüsant waren dann die Reaktionen auf die häufig gestellte Frage meiner Mitfahrer: Which cycling club? – Not from England. From Germany. Das ging so einige Male. Einige Hills gab es noch zu überfahren, crossroads zu meistern und dann roch ich die See.

 

Whitby ist ein ganz entzückendes Städtchen. Mit viel Charme und einem sehenswerten Hafenviertel. Die Ziellinie überfuhr ich gegen 4:50pm und das ergab dann eine Finisherzeit von 10:10 * Std./Min. und damit knapp den Gold Adward verpasst. Jubel, Trubel, Heiterkeit bei bestem Sommerwetter im Zielbereich war der verdiente Lohn für einen Tag im Sattel. Nach dem Bad in der Menge, gab es ein erfrischendes für meine Füsse in der Nordsee.          (* excl. Fährzeit)

Der wohlverdiente Pupbesuch wurde auf´s nächste Mal verschoben – John kam mit dem letzten Dämmerlicht ins Ziel. Ebenfalls ohne größere Probleme. Der Weg war für ihn das Ziel.

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~ die Stimmung war klasse, Ziel gesund erreicht, Stein „abgeliefert“, Wetter first-class, Happy End of a long day ~

England´s beautiful east coast IMG_0221IMG_0237

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Jörg Bublitz
6 Jahre zuvor

Beeindruckender Bericht und Fotos, die Lust auf Neues machen !
Danke Dirk !

Jörg

Matthias Lück
6 Jahre zuvor

Was soll ich sagen?
Einfach ein geiler Bericht von einer tollen Tour!

Thomas R
6 Jahre zuvor

Dirk, das ist ein toller Bericht!