Das war Paris-Brest-Paris …

IMG_0059~  für Rainer Ruhnau und Jörg Bublitz.

Hier nun von jedem sein … 

 

 

 

 

 

Persönlicher Bericht / Rainer Ruhnau PBP 2015

„Ist es das erste Mal?“, wurde ich immer wieder gefragt. Ich antwortete daraufhin, bestimmt aber auch etwas witzig, “ ja und das letzte Mal“.

Nachdem ich mich entschlossen hatte aufzugeben, kam mir immer wieder der Gedanke es beim nächsten Mal besser zu machen. Wo war der Fehler, das Du nicht durchfahren konntest? Mittlerweile weiß ich es. Zumindest denke ich es.

Es war eine erlebnisreiche Zeit. Immer denke ich an die Begegnungen und Erlebnisse die mir wiederfahren sind. Immer wieder die Gedanken an die Strecke und die Orte in denen wir uns melden mussten. Immer wieder die Kinder in den Kontrollpunkten, die uns Fahrern halfen das Essen und unseren persönlichen Sachen unfallfrei zum Essentisch zu bekommen. Immer wieder die Geschichte mit dem älteren Franzosen, der das Alter meines Vaters hatte.
Ich saß morgens um 06.00 Uhr in einem Dorf unter einer Straßenlaterne in einer Parkbucht und wollte mein letztes Baguette essen. Der nächste Kontrollpunkt war noch ca. 30km entfernt.Immer wieder fuhren kleine Gruppen oder vereinzelte Fahrer an mir vorbei. In einer stillen Minute sah ich auf der anderen STraßenseite einen älteren Herrn auf mich zu kommen. Leicht verschlafen, etwas knittrig im Gesicht, gekleidet mit einem weißen T-Shirt, sowie einer weißen Leinenhose, kam er auf mich zu. Er hatte ungefähr die Größe von Louis de Funès. Es begrüßte mich und sprach, als ob ich ihn verstehen würde. Was ich aus den ganzen Wörtern verstand, war Kaffee, Tee und Kamerad ( Camerade, wird im französischem vermutlich für „Freund“ verwendet). Ich nickte und bedankte mich. Der Mann nahm meinen Helm, meine Radflaschen und wir beiden gingen zu seinem Haus rüber. In der Küche brannte bereits Licht und eine ältere Dame bereitete im Morgenmantel bereits alles zu, was zu einem kleinen Frühstück gehörte. Auch die Dame fing jetzt an mit mir zu sprechen, in Französisch selbstverständlich. Worauf ich in französisch zurück gab, das ich französisch nicht verstehe. Dies war für die beiden kein Grund nicht weiter in ihrer Sprache mit mir zu sprechen. Der Herr holte einen Zettel, nahm einen Stift und schrieb mir dann das Alter von sich und seiner Frau auf. Tatsächlich, das könnten meine Eltern sein. Unglaublich! Sie zeigten mir im Laufe der Stunde, wo ich bei Ihnen Unterschlupf bekam, Fotos von vorigen PBP Rennen, von der Familie. Sie haben schon drei Mal an PBP teilgenomm. Louis, so hieß sein Freund, fuhr bereits zum sechsten mal. Also, erfahrene Franzosen.

Sie gaben mir einen heißen Tee, das typische weiße Brot (mit reichlich Luftlöchern), Butter und Konfitüre (die ich krampfhaft versuchte um die Löcher herumzuschmieren). Wir redeten mit Händen und Füßen. Zum Glück hatte ich einen kleinen Taschenübersetzer dabei.
Nach ca. einer Std. machte sich der Freund Louis langsam auf. Für mich galt dasselbe. Aber zur Wegzehrung gab es noch einen Joghurt mit. Als wir draußen auf der Straße standen, musste ich noch für ein Foto herhalten. Die Bretonen sind sehr stolz auf ihre Region und somit blieb es nicht aus, das ich die Fahne der Bretagne für das Foto schwenken durfte.
Bei den Kontrollpunkten waren alle Dorfbewohner eingespannt. Vom 5jährigen Kind bis zum „alten Eisen“. Immer wieder traf man vor den Häusern Familien die den Fahrern mit Getränken, Kuchen und einer kleinen Pause halfen sich zu stärken. Immer wieder Anfeuerungsrufe „bon courage“ oder „bon route“.

Dies sind nur ein paar vieler Erlebnisse mit den Franzosen bei Paris-Brest-Paris 2015. So habe ich es erlebt.
Wir haben ein Sprichwort, das besagt „einmal ist keinmal“ oder „auf einem Bein kann man nicht stehen“. Deshalb steht es für mich fest, dass ich PBP 2019 auf jeden Fall wieder fahren werde. 2018 wird die Vorbereitung gestartet und die Qualifikationen in 2019 gefahren.

Das wird dann die 19. Paris – Brest – Paris sein. Ich hoffe auch die 20. mitfahren zu können.

 

 PBP15 Persönlicher Bericht / Jörg Bublitz

> Gipfeltreffen im Velodrom von St. Quentin en Yvelines <

 

Randonneure aus der ganzen Welt begegnen sich zum technischen Fahrradcheck und Entgegennahme der Startunterlagen (Transponder, Helm- und Fahrradnummer, Stempelbuch) vor und im Velodrom. Ich habe das Gefühl, hier trifft sich eine Familie, als ob jeder jeden kenne, fröhlich, freudig. Es reichen kleine Gesten zur Verständigung, manchmal auch nur Blicke. Voller Neugier aufeinander werden schon jetzt Trikots getauscht oder man posiert vor Kameras einzeln oder in Gruppen. Diese Stimmung steckt mich an. Noch auf der Anreise zweifelte ich, ob ich Paris-Brest-Paris überhaupt im Zeitlimit ( gewählt 80 Stunden ) schaffen würde. Der französiche Fahrradmechaniker, der mein Rad prüfte, fragte freundlich auf Englisch: „Your first time Paris-Brest-Paris ?“ – „Yes“. – „First time is the best“ und er lächelte mich muteinflößend an.

 

Am nächsten Tag ging es dann los: ca. 200 Starter sind in meinem Block (C: 16.30 Uhr). An der ersten roten Ampel stoppe ich, alle anderen nicht. Am Straßenrand klatschende Franzosen höre ich etwas von „Respekt“ sagen, dann gibt mir einer ein Zeichen und ruft: „Allez“. Ich presche los.

 

Die Wetterbedingungen sind ideal: 20 bis 23 Grad Celsius, Sonne und Wolken, prima! Mentale Einstellung: „Du fährst jetzt 600 Km bis Brest, 600 Km kannst Du, morgen abend bist Du da und dann sehen wir weiter.“

 

Ein unvergeßliches Highlight sind die in Dörfern, Städten und mitten in der Landschaft postierten französischen Zuschauer vom Kind bis zum Greis, die jeden Randonneur beklatschen und wie Helden feiern. Rufe wie: „Bon Courage“, „Bon Voyage“ oder ein anfeuerndes „Allez, Allez“ stärken das Selbstbewußtsein.

 

Ebenso unvergeßlich und großartig die Versorgung der Randonneure: auf Tischen am Straßenrand präsentieren einheimische Bretonen Kaffee, Wasser, Säfte, selbstgebackenen Kuchen und winken die Radler heran. Meistens wird jeglicher Versuch die Versorgung zu vergüten strikt zurückgewiesen, manchmal steht eine kleine Dose für einen Obulus bereit.

Dirk gab mir den Tip051 für Kinder kleine Geschenke mitzunehmen. Ich habe Gummibärchen dabei und aus Platzgründen eine Rolle mit Ein-Euro-Münzen. Beides mögen die Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

Nach der ersten durchfahrenen Nacht lege ich mich am Montagnachmittag nach einem längeren Anstieg auf eine Dorfwiese, mein Fahrrad stelle ich an einen Baum. Einige weitere Randonneure ruhen hier schon. Zwanzig Minuten Pause wirken Wunder. Dann geht´s weiter.

 

Eigentlich wollte ich gegen 20.00 Uhr in Brest sein. Die Aufenthalte an den Kontrollstellen hatte ich mit 15 Minuten kalkuliert. Die Wirklichkeit sah anders aus: ich merkte, daß ich unbedingt jedesmal, die Abstände zwischen den Kontrollstellen betrugen ungefähr 80 – 90 Km, etwas essen und Süßes trinken mußte, um mich wohlzufühlen. Das kostete Zeit und so kam ich in Brest erst um ca. 23.00 Uhr an.

 

Ich entschied mich dann in Brest zu duschen, meine Wechselsachen anzuziehen und darin zu schlafen. Mein Glück: ein Zweibettzimmer, gut gelüftet. Ich schlief satte fünf Stunden tief und fest. Ein netter französicher Helfer weckte mich, mein Reisewecker schließlich auch.

 

Brest verließ ich um ca. 06.00 Uhr. Inzwischen hatte ich einen netten Begleiter an meiner Seite: Ross, ein Engländer, der seit zehn Jahren in Thailand lebt und im dortigen Audax Club Brevets fährt.

 

Ross wurde mir aber zunehmend langsamer und so trennten sich unsere Wege schon vor dem Erreichen des ersten Kontrollpunktes nach Brest in Carhaix.

 

In Carhaix traf ich Hanno und Stephan. Hanno kenne ich neben Claus als Veranstalter der Hamburger Brevets, mit Stephan bin ich im letzten Jahr mein erstes großes Brevet in Sachsen (1050 Km) gefahren. „Fahren wir zusammen ?“ Es stellte sich heraus, daß die beiden noch auf der Hintour nach Brest waren, also kein gemeinsames Radeln.

Hanno erlitt, wie ich nach meiner Tour erfuhr, einen Schlaganfall o.ä., kam ins Krankenhaus, wurde eine gewisse Zeit später nach Hamburg verlegt. Hoffentlich, so wünsche ich, geht es ihm wieder gut.

 

Meine Tour ging ohne Blessuren oder technische Defekte weiter. Dafür danke ich an dieser Stelle Peter Evers, der mein Rad gründlich gecheckt hatte.

 

Ich war immer wieder so angenehm berührt wie freundlich die frazösischen Helfer vor und in den Depots/Kontrollstellen waren: keine Mißstimmung, keine Hetze, sondern Geduld und Freundlichkeit mit oftmals übermüdeten Radlern, die Köpfe und Arme auf den Tischen ablegten, einschliefen oder manchmal auch etwas unorientiert Aus- und Eingänge verwechselten.

In den Verkehrskreiseln vor den Depotzufahrten leiteten die Helfer den Verkehr. So wurden vorrangig Radfahrer durchgewunken, Autofahrer hatten zu warten. Diese Vorgänge liefen mit einer ganz natürlichen Selbstverständlichkeit ab.

Das zweitemal schlief ich in Fougeres. Erneut konnte ich duschen. Allerdings hatte ich keine weiteren Wechselsachen dabei. So hüllte ich mich nackt in eine Rettungsdecke, legte mich in einen großen Raum auf eine Turnermatte und konnte nicht sofort einschlafen, da die Luft ziemlich stickig war. Klar: hier lagen weitere ca. 16 Mitstreiter in ihren verschwitzten Trikotagen, Fenster ließen sich nicht richtig öffnen. Ich schlief ca.vier Stunden. Dann ging es weiter.

 

Auf dem Abschnitt nach Mortagne au Perche gaben zwei Italiener mit mir „Gas“: wir wechselten uns mit Windschattenfahren prima ab. Ich hatte das Gefühl wir feuerten uns gegenseitig an und stärkten uns mental.

 

Ab Mortagne au Perche waren noch 145 km bis zum Ziel zu bewältigen. Irgendwann wurde es immer zäher. Auf einer endlos erscheinenden Ebene vor Dreux, dem letzten Kontrollpunkt, kam ein mentaler Einbruch: „Warum machst Du das hier ?, Spinnst Du ?, Stell Dir mal vor es würde regnen ?, Was tust Du Dir an !!?, Das machst Du nie wieder, hörst Du ?“

Mir kam es dann so vor, als würde ich fahren und fahren und die Zeit würde nicht mehr vergehen. Verloren in der Endlosigkeit !

 

Dreux, das kulinarische Primeur-Depot, lockte und verführte. Hier hätte ich erstmal länger bleiben mögen, vielleicht die Weiterfahrt vergessen können. Ich beließ es bei einem herrlichen Obstteller. Nun, und dann sehe ich Michael Nagel, alter bekannter Randonneur aus Hamburg, wir freuen uns über unsere Begegnung und beschließen die restlichen Kilometer zusammen zu fahren. Das baute mental enorm auf.

 

Ja, wir hielten durch, so wie Friedhelm (84 J., ältester Teilnehmer) es auf seiner Rede vor dem Start betont hatte: auf das Durchhalten komme es an !

 

Auf der Zufahrt zum Velodrom viele Zuschauer, Jubel, lobender Zuspruch. Wir werden gefeiert wie  wahre Helden.

PBP-Nachlese ne 23.9.15

 

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Heiner P.
6 Jahre zuvor

PBP – ein faszinierendes Sportereignis. Herzlichen Glückwunsch zur außergewöhnlichen Leistung, vielen Dank für die spannenden Berichte! Heiner P. 😆